Der Turm der Drachenlenker

Titel: Der Turm der Drachenlenker | Autor*in: Ellen van Velzen
| Genre: Kinderbuch | Verlag: Gerstenberg | Erscheinungsdatum: 22.6.2015 |
Seitenzahl: 240 Seiten | Preis: Ladenpreis aufgehoben

Der verträumte Jani schaut oft hinauf in den Himmel, wo die Drachen schweben: rote, gelbe und grüne, dreieckige und schmetterlingsförmige, Drachen mit Linien, Augen oder Sternen. Ihr Anblick lässt das Herz des Jungen höher schlagen. Die 496 Drachen stehen hoch über dem abgeschiedenen Dorf mit seinem Platz, den Holzhäusern und dem Turm der Drachenlenker. Es heißt, dass sie das Böse fernhalten, aber nicht jeder glaubt noch an die alten Geschichten. Jani folgt seiner Berufung und geht bei den Drachenlenkern in die Lehre. Mit Eifer ist er bei der Sache, fühlt sich glücklich, doch sein neues Leben bedeutet auch Ausgeschlossensein aus der Dorfgemeinschaft. Und schon bald häufen sich die Zeichen nahenden Unheils …

Nicht das was ich vom Klappentext her erwartet hatte.

„Vielleicht wäre neuer Drache netter, wenn die Menschen auch nett zu ihm wären.“

Vom Klappentext her erwartete ich eine abenteuerliche, vielleicht auch etwas magische Geschichte rund um Jani, der als Lehrling bei den Drachenlenkern anfängt. Bekommen habe ich eine Geschichte ohne Magie und doch mit so viel Wahrheit und Tiefe, dass ich nicht aufhören konnte zu lesen. Denn zwischen diesen Seiten steckt so viel, dass Kinder es wohl gar nicht wirklich verstehen können. Tiefe, schwere Themen verpackt in eine Geschichte, die mich schwer berührt hat.

Alter Drache und Neuer Drache

Seit über 100 Jahren halten die Drachen das Unheil vom Dorf fern. Damit es so bleibt, gibt es die Drachenlenker. Sie justieren die Formationen, bauen und reparieren Drachen und auch wenn das Dorf ihnen mit Respekt gegenübertritt, so sind sie auch gemieden und Ziel von Spott. Jani ist von klein auf fasziniert von den Drachen und als er die Chance bekommt, bei den Lenkern in die Lehre zu gehen, ergreift er sie. Doch die Drachenlenker tragen auch ihre eigenen Sorgen und Probleme mit sich herum.

Zum Beispiel ertragen sie den Spott der Kinder und das abweisende Getuschel der Erwachsenen. Alter Drache, Dan, geht mit den Leuten offener um, während neuer Drache, Wes, sich in einen Mantel aus Verbitterung und Hass gehüllt hat. Ein Panzer, der in vor allem schützt. Und schon ab da beginnt das Buch einem eine unglaubliche Tiefe vorzulegen. Denn es ist einfach Wes als gemein abzustempeln. Aber selten sind Menschen einfach nur grundlos gemein und so steckt auch hinter dem jungen Mann eine Geschichte, die mir sehr zu Herzen ging. Es hat etwas mit seiner Mutter zu tun, die von allen nur irre alte Gerda genannt wird, und die durch ihre verwirrte, fast wahnsinnige Art den Spott und die Gemeinheiten der Kinder auf sich zieht. Was Erwachsenen schnell klar wird, besonders als Wes sich langsam Jani gegenüber öffnet, die Frau ist dement und kann sich nicht einmal an ihren Sohn erinnern. bzw. denkt, er wäre noch ganz klein und auf den Feldern unterwegs. Und das Verhalten der Kinder sorgt dafür, dass Wes Kinder hasst. Er bezeichnet sie oft im Buch als „gemeine Geschöpfe“ und zeigt damit auf, wie grausam Kinder sein können. Denn nicht alles ist ein Spaß.

Leiden, Krankheit, Tod

Das Buch hat alles. Wir erleben Wes Geschichte und beginnen auch bei Dan langsam zu begreifen, dass er uns eine wichtige Sache über sich selbst nie erzählt hat. Wir haben Jani, dessen beste Kindheitsfreundin Mond sich beginnt von ihm zu distanzieren, weil die Drachenlenker als komisch und merkwürdig gelten und Mond ihr Ruf wichtiger zu sein scheint als die Freundschaft zu Jani. Das merkt man an einigen Stellen, an welcher Mond Janis Vertrauen derart missbraucht, dass ich genauso sauer auf sie war wie Jani. Denn wie gesagt, man kann nicht alles unter einem Scherz tarnen!
Harte Themen sind hier an der Tagesordnung und wenn man langsam erkennt, welche Tiefe dieses Buch einem vorgibt, ist man längst verloren. Dazwischen gibt es immer wieder Andeutungen, wovor die Drachen das Dorf beschützen sollen. Und auch wenn diese Geschichte erst auf den letzten Seiten Fahrt aufnahm und in einem riesigen Twist lief, empfand ich das Buch nie als langweilig. Es passierte einfach die ganze Zeit so viel zwischen den Figuren. Ob das Kinder als 11 jedoch verstehen oder spannend finden, sei mal dahingestellt.

„Der Turm der Drachenlenker“ liegt schon unglaublich lange auf meinem Sub, dass ich mir beim Griff danach gar nicht so viel gedacht habe. Und dann hat es mich nicht mehr losgelassen. Denn zwischen diesen Seiten steckte alles. Schwere Themen, tiefe Verletzlichkeit und berührende Emotionen. Es gibt Fehler und Verzeihen, Gewalt und Selbsthass und dazwischen dieser leise Funken Hoffnung, dass sich Menschen auch ändern können. Wieder vertrauen können. Ganz in ihrem eigenen Tempo.

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Leni
Leni
7 Monate zuvor

Huhu Ruby,

manchmal sind es die Geschichten, an die man nicht mit höher Erwartung geht oder die schon eine Weile auf dem SuB liegen, die völlig überzeugen. Ich hatte das zuletzt mit dem Buch „Das Seelenhaus“ – was eine geniale Geschichte <3

Man merkt anhand deiner Rezension total, wie begeistert du vom Turm der Drachenlenker bist. Die Themen, das Zwischenmenschliche und auch die Grauschattierungen der Charaktere hören sich richtig gut an. Ich frage mich auch direkt, ob Kinder das so gut herauslesen können. Falls ja, ist es aber sicherlich ein schöner Mehrwert.

Ganz liebe Grüße
Leni

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